
In 2019 sind Stefan und ich den Wanderpfad in Jämtland gelaufen, genannt Jämtlandstriangeln. Insgesamt waren es 46km, die wir in drei Tagen und vier Übernachtungen gemeistert haben. Jämtland ist sehr weit im Norden Schwedens und bis dorthin hatten wir eine Anfahrt von fast 10 Stunden mit dem Auto. Entsprechend fertig und recht spät sind wir dort angekommen, an der STF Storulvån Fjällstation. Das befindet sich hier:
An der Station angekommen mussten wir eine Gebühr bezahlen, um unser Zelt auf dem Gelände aufbauen zu dürfen. Das Geld wird dazu verwendet die Pfade, Gebäude und Unterkünfte, sowie Notunterkünfte auf dem Weg in Ordnung zu halten. Davon wird Essen besorgt und Müll entsorgt und ich finde, das ist eine gute Sache.
Abschnitt I – STF Storulvån Fjällstation nach STF Sylarna Fjällstation

Im ersten Abschnitt sind wir von Storulvån Fjällstation zur Sylarna Fjällstation gewandert. Insgesamt etwas mehr als 16km. Über Holzplanen und ausgetretene Pfade, immer weiter hinauf, auf etwa 1040 Höhenmeter.

Die Landschaft kann man beschreiben als rau, hügelig und komplett frei von Bäumen jeglicher Art. Die Ruhe ist unbeschreiblich, auch wenn man ab und zu anderen Wanderern begegnet. Die Luft ist so rein, dass man immer wieder tiefe Atemzüge nehmen möchte, um möglichst häufig seine Lungen damit zu füllen. Doch die Perle Jämtlands ist das Wasser. Aus den Tiefen der Berge quillt es hervor, bildet dünne Rinnsale und breite Flüsse. Und es schmeckt. Es schmeckt so unglaublich fantastisch, wie einem Wasser noch nie geschmeckt hat. Nie hat ein Getränk mehr Lebensgeister geweckt, als dieses Wasser.
Den Abschluss des ersten Abschnitts bildet ein etwa 3 Kilometer langer Aufstieg über Geröll, hinauf zur Sylarna Fjällstation. Man kann wirklich von sich behaupten, es geschafft zu haben, wenn man die Station erreicht hat. Ein bisschen kann man sich ja auch verlieren in der Steinwüste und wenn nicht hier und da ein roter Punkt zur Orientierung auf die Steine gesprüht wäre, wüsste man schnell nicht, wo man sich befindet.



Auf dem Platz um die Station herum kann man sein Zelt aufbauen. Leider sind die Flächen nicht immer flach und man muss ein Stück laufen, wenn man spät dran ist und die besten Plätze bereits belegt sind. Kleiner Hinweis: wir sind mit dem Zelt unterwegs gewesen, für eine (horrände) Gebühr kann man sich allerdings in jedem der Stationen ein Zimmer mieten und muss kein Zelt dabei haben. Buchungen müssen aber lange im Voraus gemacht werden, da die Anzahl der Zimmer sehr begrenzt ist.
Zu Abend gegessen haben wir in der Station. Für umgerechnet 10€ pro Person haben wir Elchsalami mit Käse bekommen und eine Hafergrütze mit Wildbuillon und großen Stücken Rentierfleisch. Das Wild wird hier vor Ort gefangen um das Ökosystem aufrecht zu erhalten. Denn weder Elche noch Rentiere haben hier oben natürliche Feinde und würden bei zu hoher Zahl die gesamte Fläche an grünen Sträuchern wegfressen. Das würde den Lebensraum vieler anderer Tiere zerstören.
Für eine kleine Gebühr, ungefähr 5€ pro Person, konnten wir die Duschen und Toiletten der Station benutzen, inklusive heißem Wasser! Müde, stolz, satt und sauber konnten wir dann um 23 Uhr ins Bett gehen und sind sogleich eingeschlafen, obwohl die Mittnachtsonne noch voll auf unser Zelt geschienen hat.
Abschnitt II – STF Sylarna Fjällstation nach STF Blåhammaren Fjällstation

Ich muss sagen, das Frühstück in Sylarna war einfach hervorragend. Aber ehrlich gesagt war das Frühstück in jeder der Stationen sehr sehr gut. Es gab eine große Auswahl an Müsli, Haferbrei, Brot, Butter und Marmelade, Eiern und auch Vesperpakete, die man sich kaufen konnte und mitnehmen auf den Weg nach Blåhammaren. Von Sylarna nach Blåhammaren läuft man insgesamt etwa 18km.

Zunächst muss man die 3km wieder hinab, die man am gestrigen Abend aufgestiegen ist. Und dann wendet man sich in die andere Richtung. Es geht bergauf. Nicht steil, dafür sehr sehr lange. Denn nun müssen wir einen kleinen Berg – vielleicht doch eher einen Hügel – passieren. Auf der Spitze liegt hier und da noch ein wenig Schnee, obwohl es Juni ist. Schließlich muss man etwa 400 Höhenmeter hinauf und dann wieder etwa 360 hinab.
Die Landschaft verändert sich, während man läuft, relativ schnell. Von bergig zu flach, steinig und mit weiten Grasflächen. Bislang haben wir jede Menge wilder Rentiere gesehen, kleinere Tierchen in der Weite, die sich schnell in den Boden gegraben hatten und jede Menge Mücken.
Freunde, Mücken sind die Vorboten der Hölle. In Jämtland haben sie keine natürlichen Feinde, wie Frösche oder kleinere Vögel. Oder die natürlichen Feinde sind extrem überfressen und können die Anzahl der Mücken nicht reduzieren. Wer weiß. Aber Spaß beiseite, die Mücken in Jämtland sind ein sehr hoher Stressfaktor. Wir haben 6 oder 7 Anti-mygg Flaschen leergemacht und sozusagen in der Flüssigkeit gebadet. Hilft nicht. Die Mücken sind aggressiv und in der Überzahl. Deshalb empfehle ich, gerade in den eher ruhigen Phasen der Wanderung, wenn man Pause macht oder das Zelt aufbaut, zieht euch einen Imkerhut auf und behaltet die Nerven.

Auf dem oberen Bild sieht man eine Notunterkunft. Davon gibt es in Schweden viele, auch die werden mit der oben genannten Gebühr finanziert. Hier findet ihr hauptsächlich ein Satellitentelefon, warme Decken, Streichhölzer und etwas Trockennahrung. Eben für den Notfall. Wanderer schätzen diese Leuchttürme sehr und Vandalismus gibt es fast nicht. Denn wer will schon in einer Notlage sein und dann eine zerstörte Notunterkunft vorfinden?

Der Weg nach Blåhammaren fühlt sich nicht nur weit an, er ist auch lang und beschwerlich. Hier wird man wieder daran erinnert, dass man besser hätte packen können und man mit einem etwa 11kg schweren Rucksack eben nicht so schnell voran kommt. Auf der anderen Seite wird man aber an jedem Schritt belohnt mit der Aussicht, der Luft und dem köstlichen Wasser.

In der Station sind wir erst spät angekommen und das Abendessen war bereits von anderen Wanderern ausgebucht. Uns wurde dafür ein Abendessen angeboten für die spät Ankommenden, etwas schlichter, hat man uns vertröstet. Aber wir wurden überrascht, das „schlichte“ Abendessen war eine sehr große Portion Wildgulasch mit knusprigem, frischem Brot und jeder Menge gesalzener Butter.
Auch hier durften wir gegen eine geringe Gebühr die Duschen und Toiletten benutzen und auch unsere Handys und alle anderen Geräte aufladen.
Der zweite Tag war sehr hart und sehr schön und den tiefen Schlaf im Freien hatten wir uns mehr als verdient. Entsprechend müde und glücklich sind wir in unser Zelt gekrochen. Der nächste Tag würde insgesamt kürzer ausfallen, es waren nur noch etwa 13km übrig, zurück nach Storulvån.
Auch hier wimmelt es nur so von Mücken und in der Dämmerung sind sie besonders hungrig und wollen uns aufessen. Der Geruch von Anti-mygg hat uns jeden Kilometer begleitet.

Abschnitt III – STF Blåhammaren Fjällstation nach STF Storulvån Fjällstation

Mit dem letzten Marsch würden wir das Dreick abschließen und ein wenig tut einem dann das Herz weh. Denn jetzt waren wir gewöhnt ans Laufen, an die Wege und die Hitze, an die wunderschöne Landschaft und die reine Luft. Und deshalb sind wir nur schwer losgekommen aus Blåhammaren. Auch hier haben wir in der Station gefrühstückt. Es war reichlich da und geschmeckt hat es auch herrlich. Haferbrei, Brot, Butter und Marmelade, Käse und Wildsalami. Kaffee und Tee und jede Menge Wasser, um die eigenen Wasserblasen aufzufüllen.

Der Weg runter von der Station führte uns zu den Resten eines kleinen Gletschers. Der Schnee sah sehr alt und schmutzig aus und wir hatten das Gefühl, dass dieser kleine Rest noch nie weggeschmolzen ist. Vor vielen tausenden Jahren – etwa 4000 v. Chr. – war Schweden unter einer schweren Decke aus vielen Kilometern dicken Schneeschicht bedeckt. Das stetige Wegschmelzen hat besonders den Norden Schwedens auf eine ganz besondere Art geprägt. Bis heute hebt sich das Land jedes Jahr ein paar Zentimeter weiter aus dem Meer.

Auf dem dritten Abschnitt hat sich die Umgebung ganz plötzlich geändert. Ein Fluss begleitete uns den meisten Weg, grub eine tiefe Schneise in den Stein neben uns. An manchen Stellen wurde der Fluss breiter und tiefer an anderen ein schwaches Rinnsal. Und immer wieder kleine Wasserfälle, die nicht nur für eine Erfrischung sorgten, sondern auch einfach magisch aussahen in der sonst so kargen Landschaft.
Natürlich haben wir es uns nicht nehmen lassen an einem dieser kleinen Wasserfälle eine längere Pause einzulegen. Bestimmt eine Stunde haben wir im Wasser geplantscht, sind Barfuß durch das Wasser gewatet, haben Eidechsen beobachtet und kleine Fische und haben viel viel von dem Wasser getrunken.

Je weiter wir in Richtung Storulvån unterwegs waren, desto mehr änderte sich alles um uns herum. Das Grün wurde satter, kleine, gebeugte Bäume wuchsen auf einmal um uns herum und wir sind sogar ein paar Meter durch einen kleinen Wald gelaufen. Wobei man selbst fast höher gewachsen war, als die Bäume hier.
Aber jedes Abenteuer hat auch irgendwann ein Ende und nach einer letzten Pause hier, mussten wir die letzten Kilometer antreten.

Das war unsere allererste Wanderung zusammen, die länger als einen Tag gedauert hat. Wir haben gelernt uns aufeinander und auf uns selbst zu verlassen. Wir haben gelernt, dass unsere Körper zu großen Anstrengungen fähig sind. Wir haben gelernt, dass sich Mühe und Durchhaltevermögen lohnt. Wir haben gelernt, dass Schmerz vergänglich ist und man Mücken aushalten kann. Dass man manchmal ein wenig kreativ sein muss, um sein Ziel zu erreichen. Und dass das Leben kein Wettbewerb ist, sondern eine Genussfahrt.
Nach insgesamt 46km sind wir überglücklich in die Station gekommen. Haben geduscht und waren in der Sauna mit Aussicht – die im Preis für die Dusche inbegriffen ist.

Als Belohnung haben wir uns ein Finish-Bier gegönnt, haben unser Zelt ein letztes Mal aufgeschlagen und haben den Abend bei wunderschönem Sonnenuntergang ausklingen lassen.
Auf dieser Karte seht ihr die gesamte Strecke. Man kann auch ein wenig davon abweichen und die Gegend erkunden, wenn man gerade eine Pause macht. Generell sollte man aber nie querfeldein laufen. Dadurch zertstört man nicht nur die Natur, man tritt auch auf den Lebensraum von Tieren und Pflanzen. Seid respektvoll, wenn ihr diese Wanderung macht.
Was haben wir gepackt
Stefans Rucksack ist von Osprey und hat ein Volumen von 48l (Affiliate link).
Mein Rucksack ist ebenfalls von Osprey und hat ein Volumen von 46l (Affiliate link).
Wir hatten Mittagessen dabei für drei Tage – alles Trockennahrung von Real Turmat – (Affiliate link).
Wir hatten Trinkblasen in den Rucksäcken – je 3l. Meine Trinkblase ist auch ein Osprey Produkt (Affiliate link).
Wir hatten jede Menge Snacks. Snacks sind bei solchen Touren immer sehr empfehlenswert. Sie sollten leicht zu erreichen sein, wenig wiegen und am besten nicht klebrig werden in der Sonne. Wir hatten Trockenfleisch, Sesamriegel und Dextro Energy dabei. Wovon ich definitiv abrate sind Proteinriegel. Die wiegen zu viel und schmelzen in der Sonne und das nervt.
Wir hatten relativ wenig Kleidung gepackt. Hauptsächlich Unterwäsche und Socken – ich empfehle hier richtig gute Wandersocken zu kaufen, seid nicht knausrig, die lohnen sich! Unsere Wandersocken haben wir von Falke (Affiliate link). Außerdem eine Regenjacke und Hüte gegen die Sonne, Sonnencreme und Anti-mygg. Eine faltbare Sitzgelegenheit, Microfaserhandtücher und je einen warmen Sweater.
Unser Zelt ist ein Zweimannzelt, in dem man nur liegen kann, aber nicht aufrecht sitzen. Es ist so alt, dass ich es euch nicht mehr verlinken kann. Ich bin sicher, ihr findet da schon was passendes.
Tipp: Wenn ihr lange wandert werdet ihr jedes Gramm eures Rucksacks zu spüren bekommen. Deshalb als ganz großer Tipp von mir, drückt das Gewicht so weit, wie nur irgendwie möglich. Reduziert alles Unnötige. Bringt keine Konserven mit oder klobige Tupperdosen.
Tipp II: Wanderstöcke! Leichte Wanderstöcke werden euch so richtig den Weg erleichtern. Achtet darauf, dass sie aus leichtem aber belastbaren Material sind.
Tipp III: Schaut euch die Wettervorhersagen an, kurz bevor ihr irgendwohin geht. Eventuell könnt ihr im letzten Moment doch noch an schwerer Kleidung reduzieren oder andersrum doch noch eine Jacke einpacken – und nicht im Zelt frieren, wenn ihr eigentlich schlafen wollt.
Mehr Tipps findet ihr auf unserem Blog. Und jetzt wünsche ich euch ganz viel Spaß auf eurem Abenteuer!
Ganz viel Liebe, Irina.
