
Der Kungsleden heißt übersetzt „der Königspfad“ und ist ein über 500km langer Pilgerpfad. Man kann sehr lange unterwegs sein, wenn man den kompletten Weg wandern möchte. Viel populärer ist es die Strecke stückweise zu wandern und immer wieder zurück zu kommen ins schwedische Lappland. Der Weg liegt nämlich im Norden Schwedens, im Polarkreis. Die Sonne geht im Sommer nicht unter – und im Winter nicht auf. Ein ganz faszinierender Ort!
Wir haben in Abisko gestartet, mit dem Ziel in ein paar Tagen und über 100km in Nikkaluokta anzukommen. Das befindet sich hier:
Und so haben wir unsere Sachen gepackt und uns für 17 Stunden ins Auto gesetzt.

Völliger Wahnsinn, könnte man sagen und das nicht zu unrecht. Allein die Fahrt in den Norden war voller Abenteuer. Mit einem Zwischenstopp in Värmland und einer Übernachtung im Auto in Sveg, konnten wir viel schwedischen Landes sehen und noch viel mehr schwedischer Straßen. Als Deutsche muss ich sagen, es ist unheimlich angenehm in Schweden Auto zu fahren! Mit einem Tempolimit von 100km/h und kaum anderen Verkehrsteilnehmern auf den Straßen ist es einfach herrlich zu fahren!
Angekommen sind wir erst um 18 Uhr in Abisko, haben unsere Rucksäcke überprüft und noch ein paar Snacks eingepackt und sind auf 19 Uhr losgewandert. Klingt spät? Naja, die Sonne geht da oben nicht unter.. Und so konnten wir direkt am ersten Tag schon 5km in die Natur und damit raus aus dem Mobilfunknetz.
Der Abisko Nationalpark, in dem das Abiskojaure liegt, erstreckt sich über viele Kilometer und bietet Wanderern gesonderte Zeltplätze. Hier ist das Wildzelten nicht gestattet. Außerdem gibt es die Abiskohütte, geführt vom STF, wo man sich eine Unterkunft buchen kann, sowie Zugang zu einer Küche und einem Trockenraum.
Wir hatten unser Zelt am ersten Zeltplatz aufgeschlagen, kochten unser Abendessen an der Feuerstelle und gingen schon bald ins Bett. Am nächsten Morgen wollten wir früh los, einen Zwischenstopp an der Abiskohütte machen und dann weiter Richtung Alesjaure.

Es regnete die ganze Nacht. Das wäre an sich kein Problem gewesen, aber leider hatten wir unser Zelt und unsere Regenjacken mit schlechtem Imprägnierspray eingesprüht, was eher den Effekt hatte, dass unser Zelt wie ein Schwamm das Wasser aufsog, anstatt es abperlen zu lassen. So schnell wir konnten, packten wir das nasse Zelt und liefen los, mit der Hoffnung eine Zuflucht bei der Abiskohütte zu finden.
Unsere Hoffnung wurde enttäuscht, wegen der Pandemie mussten Plätze im Trockenen im Voraus gebucht werden, was uns zurück auf den Wanderweg und in den strömenden Regen brachte. Es blieb uns nichts anderes übrig, als den Weg fortzusetzen.

Nach insgesamt 25km bogen wir vom offiziellen Weg ab, um Zuflucht in einer der Notfallhütten zu suchen. In der Hütte, die ihr im Bild oben sehen könnt, konnten wir endlich unser Zelt zum Trocknen aufhängen und in Sicherheit übernachten, während draußen die Temperaturen auf 2° Celsius fielen.

Am nächsten Morgen starteten wir direkt nach dem Frühstück und waren die ersten Wanderer auf der Strecke. Unser Zelt konnte zum Glück fast komplett trocknen, was uns einen großen Motivationsschub gab. Auch dass es endlich aufgehört hatte zu Regnen, fühlte sich gut an.
Zu unserem vollständigen Glück fehlte eigentlich nur noch eine Dusche, oder irgendeine andere Gelegenheit sich zu waschen. Eine ganze Weile liefen wir den Kungsleden einsam entlang, bis der Weg direkt am Wasser führte. In schwedisch sagt man Jokk, wenn man eine Wasserstelle findet, die man zum Waschen nutzen kann. Wir nutzten die Gelegenheit, rannten schnell ins Wasser und wuschen uns in gefühlten 7° Wassertemperatur.


Sauber und glücklich ging es weiter nach Alesjaure.
Mehrere hundert Höhenmeter später kamen wir an der Hütte an. Hier kauften wir Proviant (Schokolade) und machten uns Essen. Wir hatten für jeden Tag gefriergetrocknetes Essen mitgenommen, genauer Real Turmat. Ich kann diese Marke aus voller Überzeugung empfehlen!
Diesen Ausblick konnten wir für eine halbe Stunde genießen, bevor wir wieder aufbrachen. Das nächste Ziel war: Tjäktja
Ein sehr sportliches Ziel, denn zwischen unserer Notfallhütte, in der wir übernachtet hatten und der Tjäktahütte lagen etwa 26km.



Freunde, es war eine Qual. Nicht nur war der Weg sehr lange, unsere Rucksäcke sehr schwer und unsere Füße sehr wund, es ging außerdem etwa 300 Höhenmeter aufwärts. Wir wollten an der Hütte vor 21 Uhr ankommen, damit wir die Gebühr zahlen konnten und uns in der Küche aufwärmen. Wir schafften es auf 20 Uhr, völlig am Ende mit den Kräften. Dann fanden wir heraus, dass die Nutzung der Küche und des Trockenraumes uns 60€ gekostet hätte und entschieden uns dagegen.

Just in dem Moment, als wir unser Zelt aufschlugen, fing es an zu Hageln. Die Temperatur fiel unter Null. Es wurde kalt. Und damit mein ich sehr sehr kalt. So kalt, dass wir die ganze Nacht kein Auge zu tun konnten. Um 5 in der Früh gaben wir auf, packten unsere Sachen und machten uns auf den Weg. Das Ziel: Die Notfallhütte auf dem Tjäktjapass erreichen und dort wind- und wettergeschützt Frühstücken.

Frühstück, Wärme, Pause. Dann weiter, runter vom Pass und in Richtung Sälkastugan.
Auf dem Weg nach unten eröffnete sich uns der ganze Kungsleden in seiner vollen Pracht.

Der Kungsleden ist allen voran ein Pilgerpfad. Auf dem gesamten Weg findet man immer wieder Meditationsplätze an den schönsten Orten. Meistens hat man einen Überblick über das Land und die Natur, kann die Ruhe genießen und durchatmen. Schaut einfach mal ein paar Bilder an:
Nach 13km kamen wir in Sälka an und zahlten die Gebühr. Insgesamt etwa 40€ für die Nutzung der Küche und des Trockenraumes. Gegen Mittag bauten wir unser Zelt auf, wuschen uns im Fluss (sorry nochmal an den armen Kerl, der sein Zelt zu nah am Wasser aufgebaut hatte und eine unfreiwillige Show bekam..) und wärmten uns auf in der Küche. Wir erzählten einer netten Schwedin über unsere Nacht in Tjäktja und sie meinte nur, „Tjäktja ist der Ort, der von Gott vergessen wurde. Letzte Woche waren es da oben 20° und die Woche davor 20cm Schnee..“

Zur Hütte werden die Vorräte per Hubschrauber eingeflogen, Müll, verletzte Wanderer und verschiedene Gegenstände werden per Hubschrauber ausgeflogen. Allein in den wenigen Stunden, die wir in der Küche saßen, konnten wir vier Mal beobachten, wie ein Hubschrauber direkt neben der Hütte landete und wieder davon flog (und dabei unser Zelt so richtig trocknete – Danke!).

Nach einer richtig guten Nacht, in der wir endlich genug Schlaf und Ruhe bekamen, waren wir fit für den nächsten Abschnitt. Der Plan: Zwischenstopp in Singistugar und Ziel Kebenekaisestugar.
Voller Motivation und guter Laune sind wir los. Endlich war auch das Wetter vollends auf unserer Seite und die Sonne schien die meiste Zeit. Hier und da machten wir Pausen, schauten uns die Natur an und hatten eine richtig gute Zeit.
Und nach etwa 11km kamen wir an eine Kreuzung. Nach rechts, Singistugar, 3km (und Regenwolken). Geradeaus, Kebenekaisestugar über den Kebenekaisepass, 14km (und Sonnenschein!).
Na ratet Mal.

Anstatt die 3km Umweg zu nehmen, sind wir direkt in Richtung Kebenekaise aufgebrochen. Schließlich war das ja auch ursprünglich unser Ziel. Es ging wieder Bergauf. Aus einem angenehmen Pfad wurde ein Geröllweg, der nur durch aufeinandergestapelte Steine markiert war. Manchmal wirklich schwer zu sehen. Die Luft wurde kühler, aber der Regen blieb in Singi.
Kilometer um Kilometer bergauf. Und dann, auf dem höchsten Punkt, öffnete sich uns das wunderschöne Tal.
Was für ein Wahnsinnsausblick!
Und zusätzlich zu der wunderschönen Bergkette sahen wir sie endlich ganz nah. Rentiere!

Die Sami halten ihre Rentiere traditionell in freier Wildbahn und die Tiere wandern das Jahr über in den Bergen.

Zwar hatten wir die Tiere auf unserem Weg bereits mehrfach gesehen, aber sind ihnen noch nie so nah gewesen. Keine 30 Meter von uns entfernt grasten 12 Tiere. Diesen Moment werde ich niemals vergessen, ihnen in der Wildnis so nahe zu kommen.


Runter vom Kebenekaisepass und weiter den Weg entlang. Da wir nicht über Singi gelaufen sind, waren wir nicht mehr auf dem offiziellen Kungsleden unterwegs, sondern parallel zu ihm. In einem komplett leeren Tal.
Auf dem offiziellen Kungsleden war recht viel Verkehr, denn der Wanderweg im Lappland Schwedens ist auf sozialen Medien sehr berühmt. Und so wurden wir häufig überholt oder wir überholten jemanden. In unserem Umkreis waren immer Menschen unterwegs, in Gruppen, mit Hund oder allein. Nicht so auf diesem Weg. Wir wanderten alleine.


Es fühlte sich sehr schön an. Wir alleine mit der Natur in völliger Stille. Das Geräusch unserer Schritte auf dem Weg und das Plätschern des Bergflusses, der neben uns verlief. Doch mit den Stunden kam auch so langsam die Dämmerung und Kälte kroch uns immer stärker in die Kleider. Mit jedem Schritt wurde es ungemütlicher, die Glieder taten uns weh, die Füße und Gelenke. Der schwere Rucksack forderte seinen Tribut.
Nach einer gefühlten Ewigkeiten trafen wir zwei Männer, die für den STF arbeiteten und Teile des Weges erneuerten. Den Sommer über würden sie entlang des Kungsleden in ihren Zelten übernachten und neue Holzbretter anbringen, die ihnen von einem Hubschrauber in der Nähe bereitgestellt würden. Sie informierten uns, dass der Kebenekaise und die Kebenekaisestugor noch weitere 5km vor uns lagen.


Der Weg zur Kebenekaise Fjällstation war einer der härtesten Wanderwege, den ich je gelaufen bin. Insgesamt waren es ungefähr 27km, 400 Höhenmeter, 12kg Rucksack, Geröll und Schlamm, klettern und gehen, springen und wandern, wandern, wandern. Wir waren beide am Ende unserer Kräfte, als wir die Fjällstation erreichten.
Das Erste, das man von Weitem sehen kann, ist der riesige Funkmast, der an der Fjällstation angebracht ist. Sofort gingen jede Menge Nachrichten auf unseren Telefonen ein, als wir in die Nähe des Turms kamen und erst da wurde uns bewusst, wie still und offline wir die letzten Tage gewesen sind. Wie gut es getan hat, nicht soziale Medien zu checken. Oder WhatsApp Nachrichten oder die täglichen Neuigkeiten. Wie gut der digitale Detox uns getan hat. Wie unsere Lebensgeister wieder geweckt wurden, als wir völlig analog auf uns selbst gestellt waren und uns auf uns und auf einander haben verlassen müssen. Wie befreit wir waren. Ohne störende Geräusche, ohne Wecker, ohne sich bei jemandem melden zu müssen. Trotz all der Schwierigkeiten und der Unannehmlichkeiten, die wir durchlebt hatten – der digitale Detox tat wirklich gut.


Und dann war es vorbei. Der Abschnitt des Kungsleden war gegangen, jetzt fehlten nur noch die letzten 19km bis Nikkaluokta, wo wir unser Ziel erreichen würden.

Der Morgen am Kebenekaise startete mit ziemlich schlimmen Schmerzen für Stefan, er hatte sich die Sehne am Fuß gezogen und Auftreten war qualvoll. Deshalb entschieden wir uns eine kleine Abkürzung zu nehmen und mit dem Bot-Taxi ein paar Kilometer zu überspringen. 5km sind wir zum Boot gewandert, dieses hat uns dann 9 km über den Fluss in Richtung Nikkaluokta gebracht und die restlichen 5km haben wir mutig beendet.
Wenn man das nötige Kleingeld hat, kann man von der Kebenekaise Fjällstation auch den Hubschrauber nach Nikkaluokta buchen und sich die atemberaubende Landschaft von oben ansehen.
Unser Fazit: Die Wanderung hat uns sehr viel Kraft gekostet, sehr oft mussten wir die Zähne zusammenbeissen und durchhalten. Der Weg war gezeichnet von Regen, Hagel und Kälte aber auch Sonnenschein und wunderschönem blauen Himmel. Vielleicht hätten wir öfter die STF Küche + Trockenraum Kombination buchen sollen, vielleicht noch besser vorbereiten. Insgesamt aber war die Natur, der Weg, die Berge und das Wasser um uns herum immer wunderschön. Kombiniert damit für den gesamten Weg offline zu sein, war es schon eines der schönsten Abenteuer meines Lebens. Der Kungsleden ist nichts für blutige Anfänger, man muss das Leiden schon gern mögen. Und würden wir es wieder tun? Von Abisko aus – nein. Aber der Kungsleden geht ja noch weitere 400km gen Süden und vielleicht starten wir bald von Kebenkaise aus.
Ganz viel Liebe, eure Irina und Stefan.

Unsere Ausrüstung
Irinas Rucksack ist von Osprey und fasst 46l
Stefans Rucksack ist ebenfalls von Osprey und fasst 48l
Unsere Wandersocken sind von Falke und ein absolutes MUST HAVE
Irina hat eine Wasserblase von Osprey, sie fasst 3l
Wir hatten Trockennahrung dabei von Real Turmat, empfehlen wir sehr!
Stefans Wanderschuhe sind alpine Wanderschuhe von Meindl
Irinas Wanderschuhe sind alpine Wanderschuhe von Lowa
Außerdem hatten wir jede Menge Snacks dabei, Wind- und Wasserfeste Jacken, Wanderstöcke, unser Zelt, Schlafsäcke, Luftmatratzen und Luftkissen von Friluft, Schwimmsachen und lange Hosen, kurze Hosen und je einen Pullover, Regenjacken und je eine warme Daunenjacke, die man ganz klein rollen kann.
Wir hatten zusätzlich noch festes Shampoo und festes Duschgel dabei, dass in einem See verwendet werden kann und nicht der Umwelt schadet. Damit haben wir uns in den umliegenden Joks gewaschen.






