
Visingsö ist eine kleine Insel, die im See Vättern zu finden ist. Der zweitgrößte See in Schweden, unheimlich tief und unheimlich kalt. Um auf die Insel zu kommen nimmt man am besten die Fähre von Gränna. Dann kann man sich hier ein Fahrrad leihen und die Insel erkunden.
Und zu erkunden gibt es viel!
Aber dazu muss ich weiter ausholen und euch auf einen Ausflug in die Geschichte Schwedens mitnehmen.
Der große nordische Krieg

Der große nordische Krieg fand 1700 bis 1721 statt, wobei es den Regierenden aus Nord-, Ost- und Mitteleuropa um die Vorherrschaft des Ostseeraumes ging. Beteiligt an dem Krieg waren unter anderem das schwedische Reich, Russland, Großbritannien, Dänemark-Norwegen und deutsche Mächte, wie Schleswig-Holstein-Gottorf, Kurhannover, Sachsen und Preußen. Weitere Beteiligte waren England, Vereinigte Niederlande, Polen-Litauen, das Osmanische Reich und Hetmanat. Also jede Menge Leute.
Begonnen hatte der Krieg, als die Allierten Russland, Dänemark-Norwegen und Sachsen-Polen das schwedische Reich angriffen um 1700.
Damals war das schwedische Reich größer und mächtiger, denn das heutige Finnland gehörte zu Schweden. Der damals nur 18-Jährige König Schwedens, Karl XII, konnte den Angriff abwehren und griff seinerseits 1708 Russland an. Eine verheerende Niederlage in Poltawa.
Hier eine kleine Anekdote dazu: die Schweden sagen heute noch „das haben wir/ich verloren, wie die Schlacht bei Poltawa“, wenn sie über eine Niederlage sprechen.
Damit nicht genug, begann Russland einen Gegenangriff. Der schwedische König konzentrierte seine Mächte und seine Aufmerksamkeit auf die Kriegsschauplätze in Polen, was dazu führte, dass russische Mächte taktisch wichtige Ländereien in der Großmacht Schweden einnehmen konnten.
Nun, die Geschichte des gesamten nordischen Krieges ist sehr lang und sehr facettenreich. Viele Kriegsschauplätze an vielen Orten mit vielen Beteiligten und ihren Interessen. Das kann ich leider nicht alles wiedergeben, denn das würde meine Geschichte sprengen. Wer Alles über den nordischen Krieg nachlesen möchte, kann es hier tun. Und wir gehen zurück zu Visingsö.
Visingsö – die Geschichte der Insel
Man sagt über die Insel, dass ein Riese namens Vist sie gemacht hat. Weil der See Vättern der tiefste See in Europa ist, wollte er seiner Frau etwas geben, auf das sie treten konnte, beim Überqueren des Sees und schmiss einen Büschel Erde hinein.
Die Insel ist 14km lang, 3km breit und hat eine Fläche von 25qkm. Auf der Insel leben dauerhaft 750 Menschen, da es auf der Insel aber eine Volkshochschule gibt, variiert diese Zahl immer wieder.

Geografisch gesehen liegt die Insel in der Mitte Schwedens, bzw. der ehemaligen schwedischen Großmacht, inklusive dem heutigen Finnland. Strategisch also der richtige Ort, um dort als König einen Sitz zu haben. Deshalb baute Per Brahe der Ältere die Visingsborg. Den ersten Stein dazu legte er 1561.
Per Brahe lebte noch lange genug, um den Westflügel errichten zu lassen. Danach übernahm sein Sohn Magnus und baute außerdem noch den Südflügel. Hier befanden sich die imposanten Hallen und Räume zur Strategie- und Kriegsplanung. Später baute dessen Sohn, Per Brahe der Jüngere den Nordflügel, der für Bedienstete ausgestattet war. Es gab genug Platz für 800 Soldaten und Kanonen rund um die Burg.
Während des großen nordischen Krieges, also der Regentschaft von König Karl XII, wurde die Visingsborg zu einem Gefängnis umfunktioniert, in welchem über 2000 Soldaten gefangen gehalten wurden. Die meisten von ihnen waren Russen, die gefangen genommen wurden bei ihrem Angriff um 1700.

An Weihnachten 1718 wurde im Land das Gerücht laut, dass der König gefallen sei. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Gefangenen auf Visingsö von einem deutschen Soldaten bewacht. Der Krieg schien mit dem Fall des Königs verloren und der deutsche Soldat etwas unvorsichtig. Beim Anzünden seiner Pfeife steckte er versehentlich das Schloss in Brannt. Das Feuer sprang über vom trockenen Heu zu den Ställen und breitete sich schnell aus. Die gefangenen russischen Soldaten retteten sich, ließen die Burg aber niederbrennen.
Die Soldaten wurden daraufhin als Sklaven auf der Insel, aber auch im restlichen Schweden, verteilt. Schon bald wurden sie nicht mehr ordentlich bewacht, denn die schwedischen Wachen waren zu der Zeit entweder voll arbeitende Bauern oder Kinder. Dies führte dazu, dass sich Soldaten auf der Insel frei zu bewegen begannen und sich in der Gesellschaft integrierten.
Später wurde sogar eine russisch orthodoxe Kirche erstellt, um verstorbene Soldaten ordungsgemäß begraben lassen zu können. Das Leben war für die russischen Gefangenen gar nicht mehr so schlecht. Sie wurden zwar nicht als Staatsbürger Schwedens anerkannt, konnten sich aber auf eine Ausbildung in der Universität bewerben oder gar eine Schwedin heiraten.


Hierzu noch eine Anekdote, vom Volksmund übertragen und von mir nicht mit Fakten belegbar:
Ein russischer Offizier, nachdem er 14 Jahre lang in Schweden als Gefangener gelebt hat, bat den König, seine Familie aus St. Petersburg holen zu dürfen. Sein Sohn war in dem Alter, dass er in Schweden studieren würde gehen können. Der König bejahte sein Anliegen.
Gleichzeitig wurde der Offizier mitsamt mehreren hundert russischen Soldaten auf ein Schiff gesetzt, sie waren zur Fischerei gezwungen worden. Dies passierte häufig und die Crew der schwedischen Fischer, mitsamt einem schwedischen Offizier, schloss Freundschaft mit den Russen. Sie wurden immer weniger überwacht. Da beschloss der russische Offizier eine Revolte an Bord, zusammen mit den russischen Soldaten übermannten sie den schwedischen Offizier und übernahmen das Boot.
Mit dem Boot steuerten sie auf St. Petersburg zu. Die Legende besagt, dass sich die Boote auf dem baltischen Ozean passierten, der Offizier und seine Leute Richtung Russland, die Frau und der Sohn des Offiziers Richtung Schweden.
Selbstverständlich wurde die russische Familie in Gefangenschaft genommen, während der russische Offizier mit seinen Soldaten und der schwedischen Crew in St. Petersburg von Bord ging.
Was aus der russischen Familie wurde, konnte ich nicht herausfinden. Der russische Offizier jedoch ließ die Schweden frei und gab ihnen auch das Boot zurück. Nur den schwedischen Offizier ließ er nicht zurück nach Schweden, denn er befürchtete, dieser würde erhängt werden. Und das konnt er seinem Freund nicht antun.


Natürlich weiß ich nicht, ob die Geschichte stimmt. Aber sie klingt schön!
Schön ist es auch die Insel zu entdecken. Mit dem Fahrrad kommt man von der Visingsborg zu weiteren Außenposten der Burg und kann sich dort Vieles genau ansehen. Dann gibt es noch die Überreste der russischen Kirche, auf denen ein Denkmal von der russischen Botschaft finanziert wurde.
Man kann auch noch weiter in die Geschichte eintauchen. Denn auf der Insel finden sich massenhaft Gräber aus dem Wikingerzeitalter. Auch hier kommt man mit dem Fahrrad schnell hin.
Ich fand den Ausflug unheimlich interessant. Die Sehenswürdigkeiten sind gut ausgeschildert und haben fast immer eine Informationssäule nebendran stehen. Mit detailliert beschriebenen Geschehnissen aus der Geschichte.
Auf der Insel vermischen sich die geschichtlichen Ereignisse aus dem Wikingerzeitalter und später dem großen nordischen Krieg. Super spannend!
Das Fahrrad kann man abgeben, kurz bevor die letzte Fähre kommt und die letzten Besucher zurück nach Gränna fährt. Unsere ging um 22:45, das kann aber je nach Saison variieren. Es wird sicherlich nicht das letzte Mal sein, dass wir diese Insel besucht haben und ich freue mich bereits auf das nächste Mal!

Fühlt euch inspiriert,
Ganz viel Liebe, Irina und Stefan.
Ausrüstung
Die Bilder haben wir geschossen mit unserer Canon Camera
Aber auch mit unseren Handys. Meins ist das hier. Und Stefans dieses.
Wasserflaschen haben wir diese hier. Ich LIEBE sie!


